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Im Interview: 14 Jahre Stadtwehrleiter Schmechtig haben ein Ende

Interview
  • Erstellt: 10.04.2022 / 07:02 Uhr von aw
Achim Schmechtig (63), erzählt uns im Interview welche Aufgaben er als Stadtwehrleiter in Genthin nach 14  Jahren hinter sich lässt, was er für die Zukunft geplant hat, welchen dramatischen Einsatz er nicht vergessen wird und auch, wieso das Ehrenamt Feuerwehr kein Hobby ist.

Meeting Point JL: Sie geben ihr Amt als Stadtwehrleiter Genthin ab. Was genau sind ihre Aufgaben, wie viele Jahre waren sie im Amt und wie fühlen sie sich damit?

Achim Schmechtig: Ich bin seit 2008 Stadtwehrleiter in Genthin und hatte zwei Jahre lang die Stadtwehrleitung kommissarisch übernommen, bis ich ab 2010 zweimal für jeweils sechs Jahre, so lange geht eine Wahlperiode, von den Einsatzkräften vorgeschlagen und auch berufen wurde. Am 05. Mai ist es soweit, dann ist mein letzter Tag in dem fordernden Ehrenamt als Stadtwehrleiter. Die Hauptaufgabe ist natürlich die Verantwortung für Einsatzbereitschaft, Technik und Ausbildung zu tragen und somit für über 300 Feuerwehrfrauen- und männer in Einsatzabteilung, Nachwuchs und Alters- und Ehrenabteilung. Man könnte es mit einem Manager eines mittelständischen Unternehmens vergleichen, weil ich z.B. als Chef der Gemeindefeuerwehr auch dafür zuständig bin, das die Gerätehäuser in Schuss sind und die Fahrzeuge fahrbereit. Insgesamt geht es darum, dass die technische Ausstattung stets in Abhängigkeit mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln auf dem bestmöglichem Stand ist. Sehr am Herzen lag und liegt mir die Arbeit der Kinder- und Jugendfeuerwehren, aus denen aus erster Linie auch unsere personelle Stabilität der nächsten Jahre gesichert wird. Ansonsten ist man als Stadtwehrleiter wie jeder andere Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr auch im Ehrenamt tätig und eben in freiwilliger Funktion.

Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Dass ich ausscheide fällt mir schwer, auch wenn es abzusehen war. Mir war klar, dass bei der letzten Wahl 2016 schon feststand, dass ich aufgrund meines Alters ausscheiden werde. Das ist das weinende Auge. Jetzt steht ein Generationswechsel an, ich kann die Verantwortung abgeben und ganz neue Möglichkeiten ergeben sich für beide Seiten. Das lachende Auge kommt davon, dass ich nicht mehr ständig erreichbar sein muss und das war ich eigentlich immer, dass können alle Kameraden bestätigen. Auch freut es mich, dass durch den Generationswechsel auch neue Impulse und Ideen der künftigen Stadtwehrleitung die Gemeindefeuerwehren voranbringen. Ich freue mich auf die weiter positive Entwicklung unserer Gemeindefeuerwehr.

Wann kamen sie zur Feuerwehr und was konnte sie so sehr begeistern, dass sie so lange ehrenamtlich tätig waren?
Meine Wurzeln habe ich in Altenplathow. Dort bin ich 1969 bei den Jugendbrandschutzhelfern eingetreten. Das ist heute vergleichbar mit der Jugendfeuerwehr. In den aktiven Dienst bin ich dann 1973 gewechselt. Dabei waren die Kameraden Erich Mangelsdorf und Willi Garz wie Ziehväter für mich, die mir das Feuerwehr Einmaleins beibrachten. 1976 bin ich der Familie wegen nach Genthin gezogen und seither dort dabei. Warum ich es bald 50 Jahre im aktiven Dienst ausgehalten habe? Weil es ein gutes Gefühl ist Leuten zu helfen. Ich habe ein ausgeprägtes Helfersyndrom, dass braucht man auch. Natürlich war auch immer die Kameradschaft und der Teamgeist etwas besonderes. Feuerwehr ist wie eine zweite Familie. Außerdem hatte ich schon immer einen großen Bezug zu Technik, weswegen ich mich bei der Feuerwehr noch immer sehr wohl fühle.

Sie sind neben ihrer Berufung als Feuerwehrmann auch noch anderes beruflich tätig? Wie kam ihre Familie mit dieser Doppelbelastung über die Jahre klar?

Es war und ist eine Gratwanderung. Beruflich hatte ich das Glück schon seit 1991 bei der Stadt Genthin tätig zu sein, u.a. als Sachgebietsleiter Brandschutz. So war ich beruflich und auch ehrenamtlich für Gefahrenabwehr und Brandschutz aktiv und konnte beides gut verbinden. Von der Familie aus muss ein unendliches Verständnis für das Ehrenamt gegeben sein. Das gilt auch für die Familien meiner Kameraden und Kameradinnen. Wenn man bei der Feuerwehr dabei ist, muss man zwei Dinge unbedingt beachten. Freiwillig sind Ein- und Austritt und dazwischen ist es eine freiwillige übernommene Pflicht. Es ist eben kein Hobby. Es gehört Pflichtbewusstsein, Verantwortungsbewusstsein und vor allem auch die Bereitschaft familiäre Dinge hinten anzustellen dazu. Bei mir waren und sind es normalerweise 2-3 Abende pro Woche, die an die Feuerwehr gehen, da bleibt noch wenig Zeit für Hobbys.

In einer fast 50-jährigen Feuerwehrlaufbahn passiert viel. Wird es ein offizielles Jubiläum bzw. Verabschiedung geben?
Für meine 50-jährige Zugehörigkeit bei der Feuerwehr werde ich sicher nächstes Jahr mit Urkunde und Ansteckzeichen ausgezeichnet werden. Aber eine große Feier wird es wahrscheinlich erst 2024 zum 150-jährigen Jubiläum der Genthiner Feuerwehr geben. Und auch nach meinem Ausscheiden als Stadtwehrleiter werde ich noch, bis es das Alter entscheidet, im Dienst aktiv dabei bleiben. Ich habe es ja sehr gern gemacht und werde auch der künftigen Stadtwehrleitung mit Rat und Tat zur Verfügung stehen.

Gibt es einen Einsatz, an den sie sich besonders zurück erinnern?
Das war 14.11.1997 15:12 Uhr im Genthiner Stadtzentrum eine schwere Gasexplosion mit einer toten Bewohnerin und vier Schwerstverletzten. Es gab mehrere zerstörte Gebäude. Zwei Kameraden und ich haben damals 1,5h im Trümmerkegel in Handarbeit gegraben, um den schwerverletzten Hausbesitzer zu retten. Das Ganze geschah unter Lebensgefahr, weil während der Rettungsarbeiten das Gasleck noch nicht geschlossen werden konnte. Der Einsatz hätte auch anders enden können.

Haben sie schon einen Nachfolger auserkoren oder wird der noch gewählt? Gibt es etwas, was sie ihm als Tipp für die Zukunft mitgeben wollen?

Aktuell befindet sich der Wahlprozess noch im Vorschlagsverfahren. Dabei werden namentlich Kameraden oder Kameradinnen vorgeschlagen, für den Stadtwehrleiter und zwei Stellvertreter. Innerhalb einer Frist müssen dann von unseren neun Ortsfeuerwehren Vorschläge erbracht werden, die von der Stadtverwaltung als Träger der FFW geprüft werden. Dabei müssen die Kandidaten Voraussetzungen für das Amt mitbringen, wie verschiedene Aus- und Weiterbildungen zum Verbandsführer, Leiter einer Feuerwehr, Grundkenntnisse über finanzielle Haushaltsführung und auch eine gewisse soziale Kompetenz haben. Aktuell stehen zwei Kandidaten für den Stadtwehrleiter und sieben Stellvertreter zur Auswahl. Auch ich habe meinem Vorschlagsrecht gebrauch gemacht, habe aber auch auf Anfragen von Kameraden keine Wahlempfehlung ausgesprochen. Ich habe im Rahmen meiner Personalverantwortung in den letzten Jahren schon Wert darauf gelegt, dass geeignete Kameraden für die besondere Führungsverantwortung die nötigen Ausbildungen erhalten und fit für die Aufgabe sind.

Mein Tipp an den Zukünftigen ist, dass die Aufgabe kein Ponyhof ist. Man muss viel Freizeit investieren, um auch die Kameradschaft als Seele der Feuerwehr weiter zu pflegen und das auch an den Nachwuchs zu vermitteln. Ansonsten wünsche ich noch ein glückliches Händchen, dass die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort getroffen werden.

Was steht für sie in 2022 an? Gibt es Pläne mit oder ohne Feuerwehr?
Ich war bisher sportlich aktiv - war viel joggen. Das kann ich leider nicht mehr und habe mir daher andere sportliche Aktivitäten gesucht. Aber sonst werde ich mir mehr Zeit für Ausflüge in die Natur und auch für Kurzreisen nehmen. Meine beiden Söhne wohnen in Berlin und ich werde im Sommer Opa, da werde ich ihnen mal öfter einen Besuch abstatten. Der Feuerwehr werde ich aber weiterhin bestehen bleiben und bis zu meinem 67. Lebensjahr aktiv teilnehmen. Danach will ich mich stärker mit der Historie der Feuerwehr beschäftigten. Außerdem würde ich mich gerne dafür sorgen, dass die psychosoziale Versorgung nach Einsätzen stärker etabliert wird.

Möchten sie abschließend noch etwas loswerden?
Mein Wunsch wäre, dass die aufgebauten Strukturen, an denen ich mitwirken durfte, bestehen bleiben. Mich macht es froh Fußspuren zu hinterlassen. Und als Ratschlag will ich an die Kameradschaft und deren Teamgeist appellieren und darauf hoffen, dass immer alle Kameraden und Kameradinnen die Feuerwehr sehen als das was sie ist - nicht als Hobby sondern als freiwillig übernommene Pflicht für das Allgemeinwohl. Ich wünsche allen Kameraden und Kameradinnen, dass Sie stets gesund und wohlbehalten aus den Einsätzen heimkehren. An die Kommunalpolitik richte ich den Appell, stets für eine auskömmliche finanzielle Ausstattung unserer Gemeindefeuerwehr, ohne “Wenn" und "Aber”, Sorge zu tragen.

Bilder

Achim Schmechtig, Foto: privat
Stadtwehrleiter Achim Schmechtig - Archivfoto eines Einsatzes
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