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Werft-Chef Mario Bolle mit Rück- und Ausblick: "Wir haben dabei natürlich für die Zukunft viele Pläne und Ziele"

Interview
  • Erstellt: 01.01.2022 / 10:05 Uhr von os
Deutschlandweit hat sich die Schiffswerft Bolle in Derben mit funktionierenden Konzepten einen sehr guten Ruf aufgebaut. Der Fokus liegt auf den Neubau von Fahrgast- und Mehrzweckschiffen, auch mit Hybrid- oder Elektroantrieb und der Reparatur von Schiffen. Das Unternehmen beschäftigt ca. 60 Mitarbeiter. Von der Konstruktion bis zum Design des Innen- und Außenbereiches, alles liegt in den Händen der Schiffswerft. Im Interview blickt Werft-Chef Mario Bolle bei uns auf 2021 zurück und voraus auf 2022.

Meetingpoint JL: Wie sehen Sie Ihre Vorreiterrolle beim Klimaschutz mit der Kiellegung für ein solarbetriebenes Elektroschiff für den Senat Berlin?

Die Schiffswerft Bolle ist seit 1861 im Familienbesitz, meine Vorfahren haben dabei viele geschichtliche Epochen durchlebt und auch stets ihren Beitrag zum technischen Wandel geleistet. Es gab viele Neuerungen z.B. im Material der Schiffskörper: vom Holz zum Stahlschiff; im Fügeverfahren: vom kalfatern, übers nieten zum schweißen. Und auch im Antrieb: vom Treidelkahn, über das Dampfschiff zum Verbrenner.

Heute ist es an unserer Generation den gesellschaftlichen und ökologischen Entwicklungen folge zu tragen. Unsere Werft geht dabei voran, um unseren Kunden stets als Tor für die neuesten, zeitgemäßen Technologien zu dienen. Man muss ganz klar sagen, dass in einigen Teilen der Binnenschifffahrt batte- riebetriebene Elektroantriebe sehr viel Sinn ergeben.

So kann eines unserer Fahrgastschiffe, in Prag beispielsweise, mit der Akkukapazität eines einzigen Elektro-PKW 250 Menschen zum Sightseeing durch die Innenstadt mitnehmen, 6-7h lang - mit Zwischenladen den ganzen Tag. Dabei entstehen nicht nur kei- ne Abgas- oder Partikelemissionen, sondern auch absolut kein Lärm und keine Vibrationen was den Komfort an Bord erhöht. Die beliebtesten Plätze sind jetzt oft am Heck des Hauptdecks, um dort das Schraubenwasser zu beobachten. Früher waren an dieser Stelle meist das eigene Wort nicht zu verstehen, auch wurden hier die Abgasleitungen rausgeführt.

Wir setzen hierbei auf sogenannte Inline Thruster, der Antriebsmotor ist hierbei zugleich Antrieb, da sich der Motor selbst im Wasser befindet und der Rotor den entsprechenden Vorschub generiert, die Flügel bestehen dabei aus Carbon und können einzeln getauscht werden. Ein großer Vorteil dieses Antriebs: Es gibt nicht einmal Schraubengeräusche. Bisher wurde er nur in Superyachten eingesetzt, wir setzen diese Technologie auch im Elektroschiff für Berlin ein.

Was waren aus Ihrer Sicht die Highlights für Ihre Werft 2021?
Es ist schwer in diesem Jahr von Highlights zu sprechen, das klingt zu sehr nach normalen Alltag. Die Coronazeit stellt besondere Herausforderungen an jeden von uns auf seine eigene Art und Weise. Neben unseren Projekten wie den Elektrokatamaran Marie D`Bohemia für Prag, ist ein ganz klares Highlight für mich die Zusammenarbeit mit der Adler Apotheke Parey und der Frau Lüke, welche uns immer mit Rat und Tat zur Seite stehen. Gemeinsam gehen wir durch diese eigenartige Zeit.

Worauf freuen sie sich besonders 2022 in Ihren Auftragsbüchern?
Natürlich freue ich mich auf das Projekt für den Senat Berlin oder den ersten Prototypen eines Elektroarbeitsschiffes für die WSV Flotte. Interessant ist auch die Elektrifzierung des SUNliner, welcher bei uns 2017 gebaut wurde und nun für diesen Umbau zu uns zurückgekehrt ist. Er bekommt ca. 1.600kWh Akkuka-pazität, verwendet werden dabei Akkus der Firma Tesvolt, welche Ihren Sitz in Lutherstadt Wittenberg haben, eine Sachsen-Anhaltinische Koproduktion. Es gibt noch andere spannende Projekte über die ich an dieser Stelle noch nichts sagen möchte oder darf.

Verraten Sie uns Ihren Traum mit der Werft? Was für ein Schiff würden sie gern mal bauen?
Ich bin in erster Linie erst einmal sehr dankbar dafür, das wir stehen wo wir zur Zeit stehen. Das ist nicht selbstverständlich, aber die Konsequenz aus guten Ideen, harter Arbeit und den Mut neue technische Wege zu gehen. Unsere Ingenieure arbeiten täglich daran, dass wir unseren Kunden als Tor zu den neusten sinnvollen Technologien dienen können. Es kommt einen schon teilweise vor wie ein Traum, dass wir in der kleinen Gemeinde Derben eine Art Vorreiterrolle im Elektroschiffbau der gesamten BRD und teilweise darüberhinaus eingenommen haben oder das wir mit unseren Projekten die Skyline von Weltstädten wie Prag, Potsdam oder Berlin mit gestalten dürfen. Von daher bauen wir jetzt schon die Schiffe die wir leidenschaftlich gerne bauen und freuen uns darauf dies auch weiterhin zu tun. Wir haben dabei natürlich für die Zukunft viele Pläne und Ziele, um uns weiter zu entwickeln.

Bilder

Archivfoto: Elisa Heinke und Mario Bolle bei einem Vor-Ort-Termin.
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