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2. Prozesstag in Magdeburg: Attentäter kündigt Hungerstreik an und äußert sich zur Tat

Stadtgeschehen
  • Erstellt: 11.11.2025 / 20:08 Uhr von rt
Am zweiten Verhandlungstag im Prozess um den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt setzte der Angeklagte Taleb A. seine stundenlange Einlassung vor dem Landgericht Magdeburg fort. Nach der politischen Show vom Vortag lieferte der 51-Jährige heute zwar konkretere Details zur Tatplanung, offenbarte seine Motivationslage, sorgte aber auch mit der Ankündigung eines Hungerstreiks und wirren philosophischen Exkursen für Irritationen.


Das Medienaufgebot war am zweiten Tag merklich geringer als noch am Auftakttag. Auch von den zahlreichen Nebenklägern, die durch die Tat zu Schaden gekommen waren, verfolgten heute weniger Personen die Ausführungen des Angeklagten.

"Entweder ich verlasse Deutschland oder ich greife an"

Auf größeren Druck seitens des Vorsitzenden Richters Dirk Sternberg äußerte sich der Angeklagte heute konkreter zu den Tatvorwürfen – wenn auch weiterhin eingebettet in weitschweifige Exkurse zu seinen philosophischen und religiösen Ansichten.

Der Angeklagte Taleb A. gab zu, einen Angriff bereits seit 16 Monaten geplant zu haben. Er habe sich für die Tat entschieden, weil seine Versuche, Rechtsstreitigkeiten und Auseinandersetzungen mit deutschen Behörden friedlich zu regeln, erfolglos blieben und er sich ungehört fühlte. Seine Entscheidung sei gefallen, als ihm klar wurde: „Es gab nur zwei Wege: Entweder verlasse ich Deutschland oder ich greife an“. Nach anfänglichen Ideen, einfache Farbattacken auf Häuserfassaden der Staatsanwaltschaft Magdeburg zu machen oder dort mit einem Gaszylinder anzugreifen, bemerkte er irgendwann, dass der Weihnachtsmarkt nicht ausreichend geschützt war. Zwischenzeitlich habe er sogar mit einem Anschlag auf das ALEX am Ulrichplatz kokettiert.

Aussagen zum Tag der Tat

Am Tattag, dem 20. Dezember 2024, sei er „kalt wie Eis“ gewesen. Immer wieder betonte er, wie ihn Kleinigkeiten davon hätten abhalten können, die Tat zu begehen. Selten ging er darauf ein, warum er es dann wirklich tat. Bis zuletzt sei er unentschlossen gewesen, hat die Horrortat dennoch begonnen.

Er habe sich auf die Stände konzentriert, um sie nicht zu treffen, und dann „einfach Gas gegeben“. Er sei davon ausgegangen, von der Polizei erschossen zu werden. Auf die Frage des Richters, ob er als Arzt und Psychiater über die Folgen für die Opfer nachgedacht habe, antwortete der Angeklagte mit einem knappen „Nein“. Bis zum erneuten Auffahren auf die Reuter-Allee sei ihm das Leid, welches er verursacht hat, nicht bewusst gewesen. Nur an wenige Opfer konnte er sich überhaupt erinnern.

Die Generalstaatsanwaltschaft sieht das Motiv in der „Unzufriedenheit und Frustration“ über den Ausgang seiner Rechtsstreitigkeiten. Seine Einlassung war größtenteils kohärent mit der gestrigen, da er die Verschwörungsgeschichte um seine Person weiter erzählte. Dennoch blieb er in seinen Äußerungen sprunghaft und lieferte zahlreiche irritierende Ausschweifungen, die für die Betroffenen im Saal geschmacklos gewirkt haben – darunter die Erwähnung seiner Vorliebe für teure Autos und das Vortragen eines selbstverfassten Gedichts.

Angeklagter nennt das Attentat immer wieder „Eingriff“

Als Taleb A. plötzlich über Galileo und den Urknall redete, schien es, als könne er sich inhaltlich nicht weiter von der Sache entfernen. Seine Einlassung zeigte einmal mehr, wie er persönliche Konflikte – insbesondere mit der Organisation Säkulare Flüchtlingshilfe e.V. – und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen sowie angebliche Vertuschungen durch die Polizei als Beweis für eine staatlich gelenkte Verschwörung deutete. „Alle sind gegen mich!“, beschwerte er sich. Der Ex-Moslem sieht in Deutschland einen Staat, der die Islamisierung vor Ort aktiv fördere und damit den Westen, den er liebe, zerstören würde. Mit dem „Eingriff“, wie er den Anschlag immer wieder nannte, wollte er einen Angriff gegen das deutsche Volk starten, um für seine Theorien Aufmerksamkeit zu schaffen. Auf die Frage, was jedoch die zahlreichen Unschuldigen auf dem Weihnachtsmarkt mit diesen Dingen zu haben, wusste der 51-Jährige keine Antwort.

Seine Äußerungen, die persönliche Kränkungen mit einer umfassenden politischen Ideologie vermischen, unterstreichen die komplexe Gedankenwelt, die durch ein externes Gutachten der Fach- und Beratungsstelle für Gewalt- und Radikalisierungsprävention SALAM Sachsen-Anhalt zur Tatmotivation als terroristische Gewalttat eines Einzeltäters bewertet wurde.

Hungerstreik angekündigt – Richter unbeeindruckt

Schon vor Beginn seiner Aussage kündigte der Angeklagte an, seit Montag im Hungerstreik zu sein. Er erwarte aber „keine körperlichen Schäden“. Der Vorsitzende Richter Dirk Sternberg zeigte sich davon unbeeindruckt. Er stellte klar: „Sie haben es nicht in der Hand, durch Hunger- oder Durststreik die Verhandlung zu verzögern oder zu torpedieren“. Die Verhandlung könne notfalls auch ohne ihn fortgesetzt werden.

Der kommende Verhandlungstag

Der Prozess wird am Donnerstag um 9:30 Uhr fortgesetzt. Auf dem Plan steht die Zeugenbefragung von Mitarbeitern der Autovermietung, von der das Tatfahrzeug stammt. Der Angeklagte Taleb A. wird sich möglicherweise aber auch Nachfragen der Nebenklage stellen müssen.

Der Meetingpoint ist für euch wieder am Donnerstag ab 9 Uhr im Live-Ticker dabei.

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