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„Wir bereiten die Schüler auf das selbstständige Leben vor“ – im Interview mit Förderschullehrerin Kerstin Hennig

Interview
  • Erstellt: 21.09.2022 / 08:05 Uhr von cl
Wie schreibe ich meinen Namen, wie schmiere ich mir eine Schnitte, wie erkenne ich die Angaben in Rezepten? All das sind Fragen, die Förderschullehrerin Kerstin Hennig oft über Jahre hinweg mit denselben Kindern bearbeitet. Aus den Kindern werden Jugendliche, die so gut es geht nach ihren persönlichen Möglichkeiten auf das alltägliche Leben vorbereitet werden sollen. Kerstin Hennig liebt ihren Beruf und gibt für jeden einzelnen Schüler ihr Bestes. Über ihre Arbeit und Erfahrungen aus dem Schulalltag hat sie uns berichtet:

Kerstin Hennig arbeitet an der Lindenschule in Burg. Die Schule ist eine Förderschule mit dem Schwerpunkt „geistige Entwicklung“.

Meetingpoint: Was sind die Schwerpunkte deiner Arbeit in der Schule?
Kerstin Hennig: Allgemein kann man sagen, wir bereiten die Schüler auf Leben vor. Dazu gehört alles, was man für das selbstständige Leben braucht. Über Lesen, Schreiben, Rechnen, bis hin zu Tisch decken, Hygiene und Berufsbildung.

Bei uns gibt es 12 Schuljahre, unterteilt in Grundstufe, Mittelstufe und Berufsschulstufe. Die Schulpflicht gilt, bis die Schüler 18 Jahre alt sind und diese ist mit den 12 Jahren bei uns abgedeckt. Davon sind die letzten drei Jahre die Berufsschulstufe. Die Schüler haben am Ende der Zeit die Schulzeit beendet, aber sie haben keinen Schulabschluss. Es gibt Kinder, die fit sind und das wahrnehmen und merken, dass sie anders sind als die anderen. Aber da bei uns auch Schüler bis zur obersten Stufe gar nicht lesen und schreiben können, nehmen diese das anders wahr.

Unser Lehrplan ist speziell. Zum Beispiel gehört auch selbstständiges Frühstück dazu. Also wie decke ich einen Tisch, was brauche ich für das Frühstück, was kommt auf die Schnitte? Was für uns selbstverständlich ist, bringen wir den Schülern Stück für Stück bei. Die Schüler lernen auf ihre ganz eigene Art und Weise. Manche schneller, manche sehr langsam.

Meetingpoint: Wie kann man sich den Unterricht unter diesen speziellen Voraussetzungen vorstellen?
Kerstin Hennig: Wir haben durchschnittlich sieben bis acht Kinder in einer Klasse, damit wir dem Förderbedarf gerecht werden können. Es gibt pro Klasse eine Lehrkraft und einen pädagogischen Mitarbeiter. Wir haben auch Kinder mit Schwerstbehinderungen, die besondere Betreuung brauchen. Unsere Klassenräume haben alle eine Küchenzeile, eben um die praktischen Dinge des Alltags zu üben, sowie einen Lern- und einen Rückzugsbereich.

Auch beim Lesen lernen, gehen wir ganz praktisch ran. Zum Beispiel, dass sie ein Rezept, eine Aufschrift auf einer CD-Hülle oder eine Anleitung lesen können. Das ist für den Alltag wichtig. Genauso beim Rechnen: wenn die Schüler zwei Löffel Kaffee in die Tasse geben sollen, dann lege ich ihnen auch zwei Löffel hin. Es gibt bei uns keine Tests oder Klassenarbeiten. Auch Hausaufgaben aufgeben ist keine Pflicht. Ich gebe keine Aufgaben auf, wenn ich weiß, dass das zu Hause die Oma löst. Es gibt aber auch Schüler, die sich Hausaufgaben wünschen. Wir geben auch keine Zensuren. Zeugnisse gibt es in Form von schriftlichen Einschätzungen. Aber jede Lehrkraft hat eigene Methoden, zum Beispiel werden Smileys für gute Leistungen vergeben.

Auch die Lernmaterialien, mit denen ich arbeite, sind kreativ und individuell. Ich kann nie das gleiche zwei Mal machen. Eine Idee kann ich übernehmen, aber jede Klasse ist ganz individuell. Ich bastele viel Material selbst, zum Beispiel Memorys. Und vieles entwickle ich auch mit den Schülern zusammen. Eine Unterrichtsstunde geht ganz normal 45 Minuten lang und unsere Schule ist bis 13.55 Uhr geöffnet. Danach werden die Schüler mit Fahrdiensten abgeholt oder betreut, bis die Eltern sie abholen. Übrigens kommen unsere Schüler aus dem ganzen Jerichower Land.

Meetingpoint: Wie bist du Förderschullehrerin geworden?
Kerstin Hennig: Ich habe Förderschullehramt studiert, damals mit den Schwerpunkten „Geistige Entwicklung“ und „emotional soziale Entwicklung“. Meine Fächer sind Mathematik und Religion. Hier an der Lindenschule unterrichte ich auch Musik, da ich gerne singe und Flöte spiele. Das dürfte ich an einer anderen Schule ohne Musiklehramt studiert zu haben, nicht tun. Als Lehrkräfte sind wir in allen Bereichen gefordert, unabhängig davon, welche Richtungen wir studiert haben.

Meetingpoint: Gab es eine Erfolgsgeschichte, die dich besonders bewegt hat?
Kerstin Hennig: Ich war früher im sogenannten Gemeinsamen Unterricht tätig. Dort haben Schüler mit Förderbedarf zusammen mit Schülern ohne Förderbedarf gelernt. Vor 13 Jahren hatte ich dort ein Mädchen im Unterricht, was sich sehr gut entwickelt hat, und sogar einen Abschluss geschafft hat. Das hätte man vorher nicht gedacht. Meine Erfahrung sagt, es steht und fällt mit den Menschen. Man muss ein Herz für diesen Beruf haben und sich dafür reinhängen. Und ganz wichtig ist: man muss immer die Stärken in den Schülern sehen und an sie glauben!

Weitere Infos rund um Förderschwerpunkte bei Kindern und wie die Förderschulen in Sachsen-Anhalt arbeiten, könnt ihr in unserem Beitrag von gestern nachlesen: [KLICK]

Bilder

Lehrerin Kerstin Hennig gibt alles für ihre Schüler!
selbst gebastelte Arbeitsmaterialien, Foto: Kerstin Hennig
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