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Genthin: Verkehrsverbünde beharren auf extrem teuren Preisen - Pendler Richtung Berlin haben weiterhin das Nachsehen

Stadtgeschehen
  • Erstellt: 17.08.2022 / 07:05 Uhr von cl
Es ist seit vielen Jahren Diskussionsthema in Genthin: Zugfahrten in Richtung Berlin sind durch den Tarifwechsel in Wusterwitz ein teures Vergnügen. An dieser Stelle gibt es einen Übergang zwischen dem Magdeburger Regionalverkehrsverbund (marego) und dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). Im Jahr 2019 gab es auf Anregung eines Stadtrates Gespräche zwischen den Verkehrsverbünden. Eine geplante Kosten-Nutzen-Analyse zu einem möglichen Übergangstarif fiel nach Angaben der Infrastrukturministerin Lydia Hüskens der Corona-Pandemie zum Opfer. Seitdem herrscht augenscheinlich Stillstand in der Sache. Wir wollten es für euch genauer wissen und haben uns bei den Verkehrsverbünden zum aktuellen Stand erkundigt. Fakt ist: Verbesserungen für Pendler wird es in nächster Zeit nicht geben! Lest hier mehr zu den Hintergründen:

Was läuft tatsächlich bei marego und VBB?
Unsere Nachfrage bei den Verkehrsverbünden marego und VBB brachte unterschiedliche Aussagen zutage, jedoch liefen alle Argumente in ein und dieselbe Richtung: eine Tarifverhandlung im Sinne einer Vergünstigung steht aktuell nicht auf dem Plan. Wir fragten marego und VBB, ob die Gespräche zum Tarif weiterhin verfolgt wurden. VBB-Sprecher Joachim Radünz antwortete uns: „Nach dem intensiven Austausch mit marego vor einigen Jahren, wurden aktuell keine weiteren Gespräche mehr geführt“.

Anders sieht das offenbar marego, denn die Sprecherin des Unternehmens teilte zu unserer Nachfrage mit, dass man im ständigen Kontakt mit den Beteiligten sei: „Der Verkehrsverbund ist zu dem Thema im ständigen Kontakt mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), mit der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH und auch mit der Nahverkehrsgesellschaft Jerichower Land (NJL)“, so Corinna Knigge von marego. Was an dem „ständigen Kontakt“ tatsächlich dran ist, ist ungewiss, denn Knigge räumt ein, dass man sich im Zuge der Anfrage des Meetingpoints mit der NASA und NJL habe austauschen müssen, um den neusten Informationsstand mitteilen zu können.

Zu wenige Pendler – zu hohe Kosten
Weiterhin erklärt die marego-Sprecherin, dass alle Beteiligten gerade daran arbeiten würden, die aktuellen Daten und Informationen auch im Kontext der bestehenden Situation auf dem ÖPNV-Markt zu analysieren. „Nach neusten Erkenntnissen geht der marego davon aus, dass das Pendlerpotenzial weniger als 1000 Personen beträgt, die in der Gemeinde Genthin wohnen und im VBB-Gebiet arbeiten (Auspendler)“, erklärt marego-Sprecherin Corinna Knigge. Ein neues Tarifangebot sei nur dann sinnvoll, wenn man mit Neukundenzulauf rechnen könne, der die möglichen Mindererlöse ausgleicht.

Was Knigge versucht charmant zu umschreiben, stellt VBB-Sprecher Joachim Radünz deutlicher dar: „Eine Ausweitung des marego-Verbundgebietes bis Wusterwitz oder des VBB-Verbundgebietes bis Genthin ist nicht vorgesehen. Der Anstoß dieser beiden Tarife ist nach den geltenden Tarifbestimmungen ebenfalls nicht zulässig“, teilt der Sprecher mit.

Für die Strecke Genthin nach Wusterwitz oder zu anderen Zielorten in Berlin und Brandenburg bestünde die Möglichkeit den Deutschlandtarif zu erwerben. Der Deutschlandtarif ist ein Tarif, der seit dem 1. Januar 2022 im Schienenpersonennahverkehr in Deutschland zur Anwendung kommt und den Nahverkehrstarif der Deutschen Bahn abgelöst hat. „Wer regelmäßig auf dieser Strecke unterwegs ist, kann auch mit der BahnCard 25 sparen“, gibt Radünz als Tipp mit.

Verkehrsunternehmen im finanziellen Zugzwang
Preisrabattierungen führen zu Mindereinnahmen bei den Verkehrsunternehmen, wie der VBB-Sprecher gegenüber dem Meetingpoint erklärt. Diese wären von der öffentlichen Hand auszugleichen. „Die Verkehrsunternehmen benötigen eine auskömmliche Finanzierung aus Fahrgeldeinnahmen und Zuschüssen von Aufgabenträgern, um die hohen Kosten für Strom, Kraftstoff und Personal abdecken zu können“, meint Joachim Radünz. Erfahrungen würden zeigen, dass reine Preissenkungen keinen nennenswerten Beitrag zur nachhaltigen Änderung des Verkehrsverhaltens leisten. Somit werden öffentliche Zuschüsse, die zwangsläufig über Jahre steigen werden, nicht als nachhaltige Lösung angesehen.

Bemühungen aus den Reihen des Genthiner Stadtrates
Auf der einen Seite gibt es aus Sicht der Verkehrsunternehmen zu wenige Pendler, Preisanpassungen sind nicht rentabel. Auf der anderen Seite ist die Verärgerung bei denjenigen, die täglich pendeln, jedoch umso größer. Für die Tarifanpassungen eingesetzt hat sich in der Vergangenheit auch Stadtrat Alexander Otto (CDU). Er sagt: „Viele Menschen aus Jerichow, Genthin und Parey fahren mit dem Auto nach Wusterwitz und von dort aus mit der VBB-Monatskarte weiter“. Dass es nicht genügend Pendler gebe, bezweifelt Alexander Otto, der sich selbst zu dieser Gruppe zählt. Erkennbar sei dies aus seiner Sicht auch an der kontinuierlich gestiegenen Auslastung der Parkplätze am Bahnhof. Er macht deutlich, dass es nicht nur um die Bewohner aus Genthin selbst geht. Es ist ein Problem für die Region. Zur Rechnung der marego-Sprecherin zum Pendlerpotenzial sagt Alexander Otto: „Viele Genthiner fahren direkt nach Wusterwitz, sind also gar nicht erst am Genthiner Bahnhof“. Somit sind eben diese Fahrgäste, die wegen der teuren Zugpreise mit dem Auto ins Land Brandenburg fahren, direkt VBB-Kunden und von marego gar nicht erfasst.

Der CDU-Stadtrat hatte 2018 bei marego einen Vorstoß in Richtung VBB im Sinne der Genthiner angeregt. Unterstützer in der Sache hatte Alexander Otto einige: sowohl Thomas Barz (CDU, damals Beigeordneter des Landkreises Jerichower Land), sowie die Bundestagsabgeordneten Manfred Behrens und Dietlind Thiemann (beide CDU) wollten eine Kompromissfindung erwirken. Derzeit kostet, ungeachtet des 9€-Tickets, eine einfache Fahrt von Genthin zum Berliner Hauptbahnhof 22,70€. Von Wusterwitz aus kostet die Fahrkarte für eine Einzelfahrt 9€, im VBB-Tarif ermäßigt für Kinder bis 14 Jahre sogar nur 6,80€. Mit dem Regio 120 Ticket kommt man aktuell für 17€ von Genthin nach Berlin - für Pendler ist das mit 34€ pro Tag aber immer noch unpraktisch.

Landtagsmitglied Thomas Staudt setzt sich weiterhin ein
Thomas Staudt (CDU), der für den Wahlkreis 05 (Genthin, Elbe-Parey, Jerichow, Tangermünde, Tangerhütte) im Landtag sitzt, hat sich der Problematik nun erneut angenommen. „Nach Auskunft des Ministeriums für Infrastruktur und Digitalisierung ist im Verkehrsverbund marego der Fokus vielmehr auf Gelegenheitsfahrer gelegt worden und nicht auf Pendler. Daraufhin wurden die Tarife für Gelegenheitsfahrer günstiger“, lässt Thomas Staudt auf unsere Anfrage zum Thema wissen. Für eben diese Fahrgäste ist das Regio 120 Ticket ein Kompromiss.

Potenzialbetrachtung landet wegen Corona „auf dem Abstellgleis“
Sachsen-Anhalts Ministerium für Infrastruktur und Digitales hatte bis Ende 2020 eine Potenzialbetrachtung angekündigt. Ziel der Betrachtung war eine Kosten-/Nutzen-Analyse zur Einführung eines möglichen Übergangstarifes sowie der dafür erforderlichen Finanzierungsmöglichkeiten. Geworden ist daraus nichts, da durch die Pandemie die Kapazitäten anders gebunden waren und auch immer noch sind, wie die Ministerin Lydia Hüskens (FDP) dem Landtagsabgeordneten mitteilte. Im Dezember 2021 bat die Ministerin Thomas Staudt weiterhin um Geduld in dem Thema. Seitdem ist erneut ein dreiviertel Jahr ins Land gegangen.
Aber Thomas Staudt bleibt hartnäckig: „Selbstverständlich werde ich weiterhin versuchen, den Wunsch eines einheitlichen Tarifes für Pendler zwischen beiden Bundesländern zu ermöglichen, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erreichen“, erklärt er auf Anfrage des Meetingpoints.
Fazit
Die Verkehrsunternehmen führen vor allem finanzielle Gründe an. Zu wenige Pendler würden das Vorhaben unwirtschaftlich machen. Auch Ministerin Hüskens merkt in ihrer Mitteilung an Landtagsmitglied Staudt an, dass bei Überlegungen in Richtung eines Übergangstarifs darauf geachtet werden müsse, dass es daraus resultierend auf der Gesamtrelation des RE 1 nicht zu deutlichen Mindererlösen kommt. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass die Beteiligten, mit Ausnahme der regionalen Unterstützer um Thomas Staudt und Alexander Otto, die Sache lieber zu den Akten legen würden. Vor kurzem hat Thomas Staudt erneut im Ministerium zur lange angekündigten Potenzialbetrachtung angefragt - eine Antwort steht aktuell noch aus. Die Diskussionen um die Hürden wirken für den Bürger und Fahrgast vor dem Hintergrund, dass es sich hier lediglich um einen Haltepunkt Unterschied handelt, fast schon lächerlich.
Wir bleiben für euch am Thema dran und berichten, sobald es neue Entwicklungen gibt!

Auch interessant zum Thema:
- Bedarfsanalyse zu länderübergreifendem ÖPNV-Tarif zwischen Genthin und Brandenburg gestartet (29.04.2019)

Seid auch ihr Pendler und von der Problematik betroffen? Dann schreibt es uns in die Kommentare oder meldet euch bei uns unter [0152-52640109] oder per Mail [info@meetingpoint-jl.de].

Bilder

Der Genthiner Bahnhof
Reisende pro Tag, Quelle: Ministerium für Infrastruktur und Digitalisierung (Schreiben der Ministerin Hüskens an Thomas Staudt)
Ein- und Ausstiege in Genthin, Quelle: Ministerium für Infrastruktur und Digitalisierung (Schreiben der Ministerin Hüskens an Thomas Staudt)
Am späten Abend ist es still, doch morgens herrscht hier reges Hin und Her.
Dieser Artikel wurde bereits 2.994 mal aufgerufen.

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Kommentare

  •  
    Familie belebt das Land schrieb um 09:39 Uhr am 18.08.2022:
    Bei einem Halbstundentakt Richtung Berlin (der von Brandenburg a. d. Havel aus umgesetzt wird) und bezahlbaren Fahrpreisen würden wir zu dritt die Bahn unter der Woche täglich von Genthin aus nutzen. Zur Zeit sind wir aber gezwungen, das Auto zu nehmen. Zusätzlich sollte man in dieser Debatte die Ansiedlung von Intel und Tesla mit den entsprechenden Effekten aufs Umland betrachten (Steigende Zahl an pendelnden Fachkräfte, die zudem irgendwo bezahlbaren Wohnraum benötigen) und bedenken, dass viele Berliner Familien auf der Suche nach Eigenheimen sind, aber außerhalb der VBB-Grenze oftmals ihre Recherchen einstellen. Beim ÖPNV gilt: Angebot erzeugt Nachfrage.
    •  
      Thomas Hill schrieb um 13:20 Uhr am 17.08.2022:
      Das kommt dabei heraus, wenn alles, was es mal gab, zerschlagen wird. Das ist wohl der Preis des Feudalismus... Ach nee, heißt heute wohl Föderalismus. Alles wurde in 1000 kleine Betriebe zerschlagen, die sich dann wieder zu Verbünden zusammen schließen.
      Sicher war die Deutsche Reichsbahn nicht rentabel... Sind die heutigen Betriebe aber auch nicht. Zuschüsse aus Steuergeldern ohne Ende.
      Dafür aber überall die gleichen Tarife... Von Rostock bis Dresden und von Frankfurt /Oder bis Marienborn.
      Einheitlich und einfach.... Aber einfach will heute ja niemand mehr.
      •  
        Bunte Bahn schrieb um 11:25 Uhr am 17.08.2022:
        Klimaschutz predigen aber die Leute mit solchen Preisen abzocken und in völlig überfüllte Zuge stecken. Die RE 1 Linie ist eine Aufforderung an die Bürger, mit dem Auto zu fahren.
        •  
          Realist schrieb um 09:02 Uhr am 17.08.2022:
          Ist doch alles Unsinn. Auf den Punkt gebracht verdienen die Verbünde ja eben gerade an diesen Verbundzonenwechseln. Klar das dort keiner Interesse hat eine Vergünstigung herbeizuführen. Einzelne Meinungen aus einem Genthiner Stadtrat interessieren doch Millonenunternehmen nicht. Da wird sich nie was dran ändern!