Studienanalyse: Das „AfD-Paradox“ in Ostdeutschland

Eine aktuelle Untersuchung unter Leitung von DIW-Präsident Marcel Fratzscher offenbart ein zentrales Dilemma der deutschen Politiklandschaft, das sogenannte „AfD-Paradox“. Demnach leiden Regionen, die überproportional für die AfD stimmen, im Falle der Umsetzung ihrer Kernforderungen messbar stärker als andere Teile des Landes.
Vor der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026 zeigt die Datenanalyse, welche ökonomischen und sozialen Konsequenzen die Forderungen der Partei, etwa der Austritt aus EU und Euro, strikte Abschottung sowie staatliche Ausgabenkürzungen, für die Bevölkerung hätten. Demografie schlägt Migration als Hauptursache
Die DIW-Analyse der Bundestagswahl 2025 zeigt, dass rund 85 Prozent der regionalen Unterschiede im AfD-Stimmenanteil auf acht sozioökonomische Strukturmerkmale zurückzuführen sind:
• Haupttreiber Demografie: Ein hoher Anteil an über 60-Jährigen gepaart mit dem Abwandern junger, gut ausgebildeter Menschen begünstigt hohe AfD-Ergebnisse massiv.
• Untergeordnete Rolle der Ökonomie: Klassische Faktoren wie Arbeitslosigkeit oder Reineinkommen spielen eine nachgelagerte Rolle. Die AfD ist keine reines „Partei der Arbeitslosen“.
• Migrations-Paradox: Hohe AfD-Werte finden sich primär in Kreisen mit ausgesprochen geringem Ausländeranteil.
• Wachsende Polarisation: Strukturelle Unterschiede beeinflussen das Wahlverhalten heute doppelt so stark wie noch bei der Bundestagswahl 2021. Hauptgrund sind Abstiegsängste und Sorgen vor sozialem Statusverlust.
Die konkreten ökonomischen Folgen im Detail
Sollten die wirtschafts- und finanzpolitischen Kernforderungen der AfD umgesetzt werden, hätte dies gravierende Auswirkungen auf den Wohlstand und den Arbeitsmarkt in Deutschland, mit besonders harten Einschnitten für Sachsen-Anhalt:
• Massiver Rückgang der Einkommen: Das reale verfügbare Einkommen je Einwohner würde in Sachsen-Anhalt um durchschnittlich 6,2 Prozent einbrechen. Das entspricht einem jährlichen Verlust von rund 1.600 Euro pro Kopf. Damit träfen die Einbußen das Land etwa anderthalbmal so stark wie den Bundesdurchschnitt (minus 4,0 Prozent). In AfD-Hochburgen wie dem Landkreis Mansfeld-Südharz, dem Burgenlandkreis und dem Salzlandkreis fielen die Verluste mit bis zu 8 Prozent sogar am höchsten aus.
• Spürbarer Reallohnverlust: Die Reallöhne in Sachsen-Anhalt würden im Schnitt um rund 8 Prozent sinken, was einem Minus von etwa 200 Euro pro Monat entspricht. Hauptursache hierfür wäre vor allem die hohe Inflation, die durch einen Ausstieg aus der Eurowährung ausgelöst würde.
• Deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit: Der Bruch mit dem EU-Binnenmarkt und eine drohende Rezession würden exportabhängige Betriebe und Zulieferer schwer treffen. In Sachsen-Anhalt könnte die Zahl der Arbeitslosen um etwa 10.000 Personen steigen (je nach Modellrechnung zwischen 6.000 und 23.000). Bundesweit stünde ein Plus von rund einer Million zusätzlichen Arbeitslosen im Raum.
• Verschärfung des Fachkräftemangels: Die von der AfD geforderte Abschottung würde die jährlichen Zuzüge aus dem Ausland nach Sachsen-Anhalt um 45 bis 65 Prozent reduzieren. Für ein demografisch stark gealtertes Bundesland würde dies den bestehenden Mangel an Arbeits- und Fachkräften weiter anheizen und die öffentliche Daseinsvorsorge, das Handwerk sowie das Gesundheitswesen akut gefährden.
Fazit: Aus der Abwärts- eine Aufwärtsspirale machen
Laut Fratzscher bedient die AfD bestehende Zukunftsängste, verschärft die Probleme durch ihre Programmatik jedoch weiter. Um diese Abwärtsspirale zu durchbrechen, dürfe sich die Politik nicht auf Migration verengen, sondern müsse gezielt strukturelle Zukunftschancen schaffen.
„Die 1990er und 2000er Jahre waren gerade in den ostdeutschen Ländern Jahrzehnte der Stärkung der Demokratie und des wachsenden Wohlstands. AfD-Wähler reagieren auf positive Veränderungen – eine Trendwende ist möglich.“ — Marcel Fratzscher, DIW-Präsident
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